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Wiesmath – Washington- eine folgenreiche Geschichte

W

Lorenz Glatz: Reisen zu verlorenen Nachbarn.
Die Juden von Wiesmath.
Wien: Löcker-Verlag. 2017

iesmath – Washington- eine folgenreiche Geschichte
Wie gut kennen Sie Ihre Nachbarn, sei es in Ihrem Haus, im Nachbarhaus oder in dem Ort, in dem Sie aufgewachsen sind? Für Lorenz Glatz löste der Besuch im Holocaust- Museum in Washington D.C. einen folgenschweren Prozess aus. Als er am Terminal der Datenbank „Survivors of the Holocaust“ den Namen seiner Ortschaft Wiesmath in der Buckligen Welt, Niederösterreich,
eintippte, begann eine über viele Jahre andauernde Beschäftigung mit der eigenen Herkunft und jener der Nachbarn und NachbarInnen.

1938 wurden Geschäfte Wiesmather Juden geplündert. Viele von ihnen hat Glatz nicht persönlich kennen gelernt, erfuhr von ihnen nur aus Gesprächen. Überlebende betonten, „man sei nochmal davongekommen“. Glatz fragte sich, wo die unsichtbaren Nachbarinnen verblieben sind. In sechs Reisen macht er sich auf den Weg, um ihre Geschichte aufzuspüren. Er führt intensive
Gespräche, die sich um die Ausplünderung, Enteignung und Vertreibung der Wiesmather Juden gruppieren. 2008 und 2014 reist er nach Israel zu Lilli Argov, 2010 besucht er Ruth Hirsch in New Jersey sowie 2011 Hanna Katz in Kalifornien. 2013 macht er sich auf den Weg nach Florida zu Alice Carmel. Ruth Hirsch besucht er nochmals 2014. In Gesprächen erfährt der Autor von Diskriminierung, denen die Auswanderer damals ausgesetzt waren. Er eruiert die Geschichte seines Heimatortes aus einer anderen Perspektive. Glatz erinnert sich an Gespräche seines Großvaters, an das Erzählen von Heldengeschichten im Wirtshaus und an das Singen von Kampfmarschliedern. Die Lücke fehlender Erzählungen über Wiesmather Juden schließt er nun in persönlichen Interviews. Das Buch enthält schwarz-weiß-Fotos der Vertriebenen, die Vergangenheit und Gegenwart idealerweise miteinander verbinden. Die Begegnungen eröffneten dem Autor einen neuen Zugang zu seiner Heimatgemeinde Wiesmath. Lorenz Glatz, geboren 1948, ist Altphilologe und Redakteur der Zeitschrift Streifzüge und aktiv in der Friedensorganisation Servas Austria tätig sowie in der Bewegung für Solidarische Ökonomie. Geschichte ist nie privat, sondern hängt zusammen mit der großen ganzen Geschichte, der wir uns nie entziehen können. Eine eindringliche und empfehlenswerte Lektüre!

Die Rezension erschien in: Die Alternative 12/2018.

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