Literaturfenster Österreich | Wenn dem Anderssein der Platz entzogen wird
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Wenn dem Anderssein der Platz entzogen wird

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enn dem Anderssein der Platz entzogen wird

2003 fand im Deutsch-Italienischen Zentrum Villa Vigoni ein deutsch-italienisch-slowakisches Sommerkolleg mit dem Titel „Patriotismus – Nationalbewusstsein – europäische Identität“ statt.

Ziel dieses kulturwissenschaftlichen Gesprächs war die Auseinandersetzung mit historischen Mustern kollektiver Identitätsbildung.

Dem Thema europäischer Identität nimmt sich Becker im neuen Roman „Samy“ an. Die Handlung spielt in der Slowakei, denkbar wäre aber durchaus ein beliebiger Ort in den ehemals sozialistischen Staaten. Im Fokus steht Protagonist Samy, Sohn einer Slowakin und eines indischen Psychiaters, der in Wien lebt. Samy hingegen wächst allein mit seiner Mutter Olga in der Slowakei auf. Von Kindertagen an wird er von anderen aufgrund seiner dunklen Hautfarbe ausgegrenzt. Kinder können mitunter grausam sein! Ratlos verhalten sich in diesem Fall die Pädagoginnen des Kindergartens, erklären Unterschiede anhand eines Rassenmodells. Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass Einflussgrößen wie Sozialisation und kollektive Identität latent die Fäden im Hintergrund ziehen. Während sich in der Jugendbande Nationalstolz ausbreitet und allmählich Waffen ins Spiel kommen, zieht sich Samy sukzessive zurück, unterdrückt sein Anderssein. Die  Gespräche mit seiner Mutter stiften Verwirrung, denn Olga suggeriert ihrem Sohn, dass er eine weiße Haut hat, genau wie die anderen Kinder auch.

Der Roman, der sich wie ein Krimi liest, beruht auf wahren Begebenheiten und erzeugt gelegentlich Gänsehaut. Mechanismen wie Verleumdung, Ignoranz und gegenseitige Täuschung, die während der Zeit des Kalten Krieges im Sozialismus systemimmanent waren, bringt die Autorin im Subtext gekonnt zur Geltung, was sich am Verhalten Olgas und an den Kindergarten-Pädagoginnen ablesen lässt.  Als Samy überraschend die Diagnose Depression erhält, scheint Olga aufzuatmen, wirkt sie doch entlastend, eigenes Versagen nicht eingestehen zu müssen und die Verantwortung an Ärtze delegieren zu können. Am Ende eskaliert das Szenario.

Zdenka Becker, geboren in Tschechien, lebt in St.Pölten, skizziert mit „Samy“ das Psychogramm einer Gesellschaft, die mit historischen Mustern kollektiver Identität arbeitet, einer Identität, die auf Nationalität fußt, in der Anderssein keinen Platz hat. Ein aktueller gesellschaftskritischer Roman! Unbedingt lesen!  

Cornelia Stahl

Zdenka Becker: Samy. Roman.

Meßkirch: Gmeiner-Verlag. 2018.

283 Seiten.

ISBN: 978-3-8392-2254-6

Hinweis: Das Interview mit Zdenka Becker wird ausgestrahlt auf Radio Orange, in der Sendung Literaturfenster Österreich: am 24.7.2018, von 18-18.30Uhr.

www.o94.at

 

Der Artikel erschien in der Zeitschrift „Die Alternative“, 7/8 2018.

 

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