Literaturfenster Österreich | Porträt einer widerständigen Frau 
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Porträt einer widerständigen Frau 

N

ur von kurzer Dauer war ihre Begegnung: gemeint ist jene zwischen Franz Kafka und Milena Jesenska (1896-1944), einstige Geliebte Kafkas. Errang der Prager Literat Kafka Weltruhm, geriet Milena als kommunistische Widerstandskämferin in der Prager Nachkriegszeit lange Zeit in Vergessenheit. Erst durch das Auftauchen von Briefen an die Tochter Jana, den Ehemann und Franz Kafka, rückt das Interesse um sie erneut in den Mittelpunkt.

Alois Prinz, Literaturwissenschaftler, porträtiert in vierzehn Kapiteln den Lebensweg einer widerständigen Frau. Milena bricht schon in jungen Jahren mit allen Konventionen, rebelliert  gegen ihren autoritären Vater. Nach der Heirat mit dem älteren Ernst Polak folgt die Übersiedelung nach Wien und das  Eintauchen in die Kaffeehauskultur. Gäste wie Franz Werfel, Robert Musil, Peter Altenberg und Karl Kraus beeinflussen Milenas Denken. Wien ist jedoch eine Zeit der Armut. Mit Koffertragen und Unterrichten verdient sich Milena etwas Taschengeld. Eine kurze Begegnung mit Franz Kafka wird zum Wendepunkt in ihrem Leben. „Wien war eine Stadt,  die noch von und in der Vergangenheit lebte“ (S.123) In Prag dagegen herrschte Aufbruchstimmung. „Es hatte sich eine Gruppe gebildet, die den Mief der Donaumonarchie abschütteln wollte“ (S.123). Milena kehrt in ihre Heimatstadt zurück und arbeitet dort für eine Zeitung. Nach der Besetzung Prags durch deutsche Truppen 1939, engagiert sie sich im kommunistischen Widerstand. Ihre Wohnung wird zum Unterschlupf für Verfolgte. Gefährdeten Personen verhilft sie zur Flucht über die Grenze nach Polen. Am 11.November 1939 wird sie verhaftet und in das Prager Gefängnis Pankratz gebracht. Nach weiteren Gefängnisaufenthalten in Dresden folgt ihre Deportation ins KZ Ravensbrück.

Alois Prinz lässt die erst kürzlich entdeckten Briefe Milenas aus dem KZ Ravensbrück miteinfließen.  Ihm gelingt das Porträt einer klugen und widerständigen Frau. Eine ausführliche Literaturliste ergänzt das Buch idealerweise. Die spannend lesbare Lektüre hinterlässt Spuren, macht Mut, eigene Wege zu gehen und widerständig zu bleiben. Das Buch ist gleichzeitig so etwas wie eine posthume Würdigung der Widerstandskämferin Milena Jesenska.

 

Alois Prinz: Ein lebendiges Feuer. Die Lebensgeschichte der Milena Jesenska. 229 Seiten.

Beltz & Gelberg. Weinheim Basel, 2016.

ISBN: 978-3-407-82177-5

Dieser Artikel erschien in: Die Alternative März/April 2017.

 

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