Literaturfenster Österreich | Poesie-Festival: 2018
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Poesie-Festival: 2018

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oesie-Festival: 2018 fand erstmalig in Österreich das Poesiefestival statt. Cornelia Stahl von Radio Orange sprach mit dem Organisator Udo Kawasser zu Hintergründen des Festivals.

1. Heuer findet erstmalig ein Poesie-Festival in Wien statt. Können Sie uns etwas zu den
Hintergründen und Motiven sagen?

In den letzten Jahrzehnten hat die Literatur und die Lyrik im Besonderen sehr stark an Präsenz in der Öffentlichkeit verloren und sich an den Rand drängen lassen. Auch auf der Buch Wien ist sie so gut wie gar nicht im Programm präsent. Dennoch ist sie als Kunstform quicklebendig und in ihren Nischen äußerst kreativ. Inspiriert von der Lyrikbuchhandlung während der Frühjahrsbuchmesse in Leipzig, soll die POESIEGALERIE nun auch in Wien die zeitgenössische Dichtkunst sichtbar machen. So werden innerhalb von drei Tagen nicht nur über 50 Lyriker*innen aus 15 vorwiegend österreichischen Verlagen lesen und zum Teil mit Musiker*innen auftreten, sondern auch die komplette lyrische Jahresproduktion dieser Verlage auf Tischen zum Verkauf angeboten.

2. „Was kann Literatur“ so lautete eine Umfrage aller Literaturhäuser im Sommer 2018. „Was kann Literatur“ im Allgemeinen und „Was kann insbesondere Lyrik“?

In einer globalisierten Welt, in der die Menschen immer stärker für einfache Antworten auf komplexe Probleme empfänglich werden und in den Echokammern der sozialen Medien vorgefasste Meinungen verstärkt und gesellschaftliche Veränderung vor allem von Hass und Verachtung befeuert wird, ist die Vielstimmigkeit und Polyperspektivität von Literatur so notwendig wie noch nie. Wir leben, um mit Brecht zu sprechen, in einer Zeit, in der „die Güte im Lande wieder einmal schwächlich“ wird „und die Bosheit an Kräften zunimmt“. Das hat natürlich seine ökonomischen und politischen Gründe, gegen die man kämpfen muss.
Im Gegensatz zum simplifizierenden politischen Diskurs bringt Literatur den ganzen komplexen menschlichen, aber nicht nur menschlichen Kosmos zur Sprache, macht den Leser*innen das vielschichtige Netz unserer oft widersprüchlichen Empfindungen, Neigungen und Gedanken erfahrbar, indem sie uns vorurteilslos in unterschiedliche Milieus und Innenwelten führt.

Roland Barthes, der französische Philosoph, sprach von der Lust am Text, die daraus entsteht, dass man bei der Lektüre in alle Köpfe, in alle Rollen, sei es in die des Mörders oder des Opfers, hineinschlüpfen kann, ohne sich entscheiden zu müssen.
Was nun die Lyrik betrifft, so hat der Mensch bis dato keine andere Form geschaffen, die es ihm erlaubt, sich so vielschichtig auf auf so kleinem Platz auszudrücken. Lyrik hält uns in einem höchst sensiblen und hellhörigen Dialog mit der Welt und uns selbst. Wenn wir auf Poesie verzichten, verzichten wir darauf Menschen zu sein. Denn die Kultur, das heißt die Erziehung unserer Sinne,
unseres Geistes, aber auch des Herzens, für ein gedeihliches Miteinander und ein gelungenes Leben, ist nur ein dünner Lack. Wenn er abspringt, kommt die Gewalt zum Vorschein, die Verrohung und der Ruf nach Schlächtern und Opfern, wie wir es jetzt wieder erleben. Wenn wir nicht ständig daran arbeiten, uns für die Mitmenschen und alles Leben auf der Welt offen und
einfühlsam zu halten, werden wir eine Gesellschaft schaffen, die für alle zur Hölle wird.

3. Zahlreiche Verlage aus Österreich und Deutschland werden vor Ort präsent sein. Welche Genres innerhalb der Lyrik werden vertreten sein?

Die Poesiegalerie möchte ein möglichst großes Spektrum an lyrischen Zugängen abbilden.
Es werden Autor*innen lesen und manchmal auch singen, die dem Lied oder eher dem Rap nahestehen, solche, die das sprachliche Experiment pflegen, wir werden Haikus, Gedankenpoesie, Naturlyrik, Dialektgedichte und vieles mehr hören. Manche Dichter*innen werden von ausgezeichneten Improvisationsmusikern wie Diego Muné und Bernadette Zeilinger begleitet. An den Wänden gibt es eine Ausstellung visueller Gedichte, die vom Dichter und Verleger Günter Vallaster kuratiert wird.

4. Welches Publikum möchten Sie ansprechen?

Alle Menschen, die sich am kunstvollen sprachlichen Ausdruck freuen können. Die Poesiegalerie soll zum einen ein Ort für die Dichter*innen und Künstler sein, wo man sich kennenlernen und austauschen kann. Zum anderen soll aber auch das Publikum
niederschwellig in Kontakt mit Gedichten, alle 15 Minuten liest ja ein andere Person, aber auch mit den Dichter*innen selbst kommen. Dazu kommen die „Wilden Stunden“, die für Lyriker*innen ohne eigene Buchveröffentlichung gedacht sind, und auch ein jüngeres Publikum in die Poesiegalerie führen sollen.

5. Wird es (öffentlichkeitswirksame) Aktionen geben, um auch Nichtleser für Lyrik zu begeistern?

Für diese erste Ausgabe der Poesiegalerie, die nur eine sehr kurze Vorbereitungszeit von ein paar Monaten hatte, ist außer der Präsenz auf Facebook unter www.facebook.com/Poesiegalerie nichts geplant, zumal sie bis dato einEinmannunternehmen ist. Aber sollte sie erfolgreich sein, darf man für nächstes Jahr mit solchen Aktionen rechnen.

6. Die Berliner Künstler Leon Kahane und Fabian Bechtle haben ein Forum gegründet, welches die Verwicklungen von Kunst und rechten Diskursen untersucht. Angesichts des aktuellen gesellschaftlichen Rechtsrucks stellt sich die Frage, inwieweit rechtspopulistische Strömungen Literatur und speziell Lyrik bisher beeinflusst haben? Was haben Sie in dieser Hinsicht beobachtet?

Ich glaube, dass das Aufkommen des Rechtspopulismus bei den meisten Kunstschaffenden, die ja stets sensibel auf die Veränderungen in der Gesellschaft reagieren, zu einer verstärkten Reflexion über die gesellschaftlichen Ursachen dieser Entwicklungen, aber auch über die Voraussetzungen ihres eigenen Tuns geführt hat. Es gibt ein klares Bewusstsein davon, dass der auf radikale gesellschaftliche Veränderungen drängende Rechtspopulismus auch für die Künste verheerend ist. Es finden sich explizite Reflexionen etwas bei Stefan Eibl Erzberg oder Jopa Jotakin, der in seinem Gedicht „forelle blau“ meint, dass es „wirklich gemein“ der forelle gegenüber wäre „sie/ in österreich/ mit der farbe blau/ in verbindung zu bringen“. Deutlich wird auch der Schauspieler, Liedermacher und Dichter Martin Auer in seinem „A Hitler ghört wieder her!“ wo er denn Herrenmenschen in spe vorrechnet, was sie für ihr Herrendasein zu bezahlen haben werden: „Dann ghörst ja du zu die Herrn, die die Goschn haltn miassn (…)/die zu kaaner Wahl geh’n brauchen,/weil’s kaane Parteien mehr gibt,/(…) die vor’s Gericht gstellt werden, wann s’sagn, dass da Führer an Kriag anfangt“.

7. „Der Westen hat die größten Schweine“, so lautet eine Grafik des Künstlers KP (Klaus Peter) Brehmer, dem aktuell eine Ausstellung im Neuen Museum Nürnberg gewidmet ist. Brehmer provozierte gern mit seinen Grafiken. Vermag Lyrik ebenso provozieren?

Oh ja, obwohl natürlich die Provokation an sich noch kein Wert ist. Denken Sie an die Underdog-Lyrik eines Charles Bukowskis oder auf Österreich bezogen an die bitterbösen Gedichte eines Christian Futschers aus den „Blumen des Bösen“, in denen er bewusst gegen gesellschaftliche Konsensthemen anschreibt, etwa wenn er in „Die süße Miezekatze“ einer Katze den Hals umdreht und die Tat mit der Bemerkung „Das Geräusch war interessant“ kommentiert. Oder die Texte eines Stephan Eibel Erzberg, der in der Wiener Zeitung pointiert aufs politische Tagesgeschehen zu reagieren versucht. So endet das Gedicht mit dem vieldeutigen Titel „st. rache“ mit den Zeilen: „vergesst bitte nicht:/auch ein arschloch/hat ein gesicht“.

8. In Zeiten von Bullshit, Fake News und Verschwörungstheorien- wer liest da eigentlich noch Lyrik? Welche Stimmen (und Stimmungen) kann Lyrik entfalten?

Wie wir an der politischen Situation weltweit sehen, lesen anscheinend zu wenige Leute Lyrik, obwohl es ein Bedürfnis nach Zwischentönen gibt. Die Poesiegalerie als Festival und als Plattform möchte daran arbeiten, das zu ändern, indem sie neue Wege geht, die Poesie unter die Menschen zu bringen.

9. Das Thema „Utopien/ Dystopien“ steht im Mittelpunkt eines November- Wochenendes im Wiener Odeon- Theater. Ich komme zu meiner Ausgangsfrage zurück: Was kann Lyrik, inbesondere, wenn es um die Entwicklung von Utopien/Dystopien geht?

Die Lyrik ist eine realisierte Utopie, in dem Sinn, dass sie unser komplexestes Verständigungsmittel ist, in dessen Tiefen und an dessen Grenzen die Erfahrbarkeit und Sagbarkeit von Welt und damit von uns selbst erprobt wird.

10. Ist alles schon gesagt? Welche Hinweise möchten Sie den Festivalbesuchern und Lyrik- Interessenten/Interessentinnen mit auf den Weg geben?

Wer sich auf Lyrik in ihrer ganzen Vielfalt, wie sie die Poesiegalerie bietet, einlässt, kann damit rechnen, bereichert nach Hause zu gehen.

Vielen Dank für das Interview!

INTERVIEW ZUR POESIEGALERIE: Nachhören der Sendung auf Radio Orange vom 27.11.2018 mit einem Interview von
Cornelia Stahl mit Udo Kawasser und im Anschluss mit dem Grazer Autor Helwig Brunner .

https://cba.fro.at/389557

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