Literaturfenster Österreich | „Man muss eben alles selbst machen“
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„Man muss eben alles selbst machen“

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„an muss eben alles selbst machen“ Eva Geber über die Anarchistin Louise Michel (1830–1905)
Eva Geber hat Louise Michel einen Roman gewidmet. Über die Ikone der Pariser Kommune, die Kindheit in einem erzkonservativen Elternhaus und die Kraft der Literatur hat sich Cornelia Stahl mit der Autorin unterhalten.
„Der Typus der kämpfenden Frau“, so lautete ein Buchtitel von Ihnen. Gab es in Ihrer Familie Frauen, die diesen Typus verkörperten?
Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil. Ich habe eine erzkonservative Familie gehabt. Meine Eltern waren sehr alt.

Das Erzkonservative, wie hat sich das geäußert?
Meine Eltern waren Monarchisten, meine Mutter eine Pragmatikerin, eine starke Frau, aber sehr konservativ. Sie hat eine Firma geführt. Wofür ich ihr danke ist, dass sie mich geliebt hat. Ich war das zweite Kind, das gewünschte Mädchen! Politisch gesehen war sie mir vollkommen fremd. Ich war ein Kriegskind. Mutter hatte keine Angst, das war in einem Bombenwien ganz toll. Meinen Vater habe ich erst nach dem Krieg kennengelernt. Er war Monarchist bis zum Lebensende. Meine Mutter hatte nicht viel Zeit, hat uns Kindern alle Freiheiten gelassen, sie delegierte an sehr gute Kindermädchen. Ab fünf oder sechs (Jahren) haben wir uns um alles selbst gekümmert, und das bin ich gewöhnt bis heute (lacht). Man muss eben alles selbst machen. Das fällt mir dann wieder ein im Zusammenhang mit Louise Michel.

„Wie gefährlich ist Kunst? (Landestheater Niederösterreich, 17.2.2018 ) Hat Kunst überhaupt das Potential, Gesellschaft zu verändern?
Ich würde nein sagen, aber genauer fragen, welche Kunst. Die von Picasso oder die von (Leni) Riefenstahl?

Ich dachte in erster Linie an Literatur und Ihre Perspektive als Literatin …
Also, da muss man vorsichtig sein bei der Kunst, auch bei der Literatur. Anregen kann es nur die, die offen sind. Kunst kann Bilder bringen, die bestärken. Ich denke an Guernica von Picasso. Nicht kunstaffine Leute haben damit garnichts anfangen können. Das Symbol der Friedenstaube ist vielleicht einfacher zu verstehen. Man kann es auf Demonstrationen vor sich hertragen und viele Menschen ansprechen. Sobald es angriffiger wird, fühlen sich die meisten nicht angesprochen. Während wir dagegen sagen, das ist wahnsinnig rotzfrech! Das zeigt´s! Ha!
Wenn ich mich an die Debatte um den Heldenplatz von Thomas Bernhard erinnere, denke ich, das hat nur die Menschen bestärkt, die auch diese Ansichten vertraten. Andere haben gefunden, das ist eine Frechheit! Kunst kann verstärken, ermutigen, uns erfreuen. Und bei der Literatur ist es auch so!

Ihr neuer Roman ist nicht als Sachbuch, sondern biographisch angelegt.
Warum war es Ihnen wichtig, Louise Michel eine Stimme zu geben?
Louise Michel war eine sehr starke Frau, hatte auch viel Verrücktheit in sich, und Todesverachtung. Ich wollte nicht über sie schreiben, sie nicht bewerten. Sie wollte sich niemals einlassen auf irgendeine Gnade. Ihre Haltung im Kriegsverbrecherprozess war: Ja, das habe ich gemacht und das finde ich richtig. Und ich möchte wie die anderen zum Tod Verurteilten auch eine Kugel Blei haben. 1886, nach Rückkehr aus der Deportation, begann sie, ihre Memoiren zu schreiben, und Teil 3 kurz vor ihrem Lebensende. Ich habe mir vorgestellt, sie sitzt jetzt da, 1904, und rekapituliert ihr Leben in einem Monolog.

Wen möchten Sie mit Ihren Texten erreichen?
Es geht mir darum, dass wir Frauen unsere Geschichte kennen. Ich arbeite über Frauen, die in Österreich meist unbekannt sind. Louise Michel kennt man hier unter den Feministinnen und unter den Linken, aber ansonsten zu wenig. Ich bin nach Frankreich gegangen, um kämpferische französische Frauen hier bekannt zu machen. Natürlich will ich mit Louise Michel etwas bewirken: Die einen, die das Buch fressen vor Glück, denen zeige ich, wie sie´s gemacht hat. Beeindruckt hat mich ihr unvoreingenommener Zugang auf die Indigenen auf Neukaledonien. Sie freundet sich mit ihnen an. Und ich finde, das brauchen wir jetzt, in einer Zeit mit den wahnsinnigen Rassismen!

Inwieweit sind die Ideen der Pariser Kommune gegenwärtig aktuell?
Ich denke an „Empört euch!“ (Stephan Hessel). Wir haben massenhaft Grund, uns zu empören! 2015, als sehr viele Flüchtlinge kamen, hatten wir eine Zivilgesellschaft! Aber jetzt gibt es nur wenige Aktionen des Engagements. In der Pariser Kommune war es einfacher. Es gab es eine Zivilgesellschaft, die aus dem Proletariat kam. Jetzt fehlt das Bewusstsein dafür.
Ich danke Ihnen für das Interview!

Eva Geber: Louise Michel. Die Anarchistin und die Menschenfresser. (Vorwort: Ruth Klüger).
Wien: bahoe books. 2018. 400 Seiten. 24,00 Euro.
Eva Geber, geboren 1941 in Wien.
1975 Mitgründerin der Frauenzeitschrift AUF (Aktion unabhängiger Frauen).
Geber schrieb über Frauen der Wiener Moderne und die Arbeiterinnebwegung.
2009 Wiener Frauenpreis für “herausragenden Leistungen im feministischen Diskurs”. 2013 erhielt Geber den Bruno-Kreisky-Anerkennungspreis für das politische Buch.
Im Mai 2018 wird ihr das goldene Ehrenzeichen des Landes Wien verliehen.

Radio Orange/Literaturfenster Österreich: Interview Eva Geber: 22.Mai 2018, 18Uhr. www.o94.at
Das gekürzte Interview erschien im Augustin ( Auagabe 459/ 05.2018).

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