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„Konkurrenzdenken ist das Gegenteil von Solidarität“ – Interview mit Dora Schimanko

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„onkurrenzdenken ist das Gegenteil von Solidarität“ – Interview mit Dora Schimanko

Am 22.Oktober 2017 demonstrierten in Berlin hunderte Menschen “Gegen Hass und Rassismus im Bundestag”. Die Demonstranten hatten fremdenfeindliche Reden im Bundestag befürchtet. Die Aktion richtete sich gegen den Einzug der AfD in den Bundestag.

Wie schätzen Sie persönlich die AfD- Die Alternative für Deutschland – ein?
Es gibt immer noch eine Menge Leute, die unter dem Hitlers in die Schule gegangen sind und diese Gesinnung noch so tief drinnen haben, dass sie nicht ´rausgeht. Und wenn dann irgendein Sammelbecken ist für sie,dann sind sie dort. In Deutschland gibt es die Große Koalition und die Möglichkeit, dagegen zu protestieren. Es gibt eine LINKE. In Österreich gibt es das in dieser Form nicht. In Österreich ist die Grundlage für rechte Parteien stärker gegeben als in Deutschland, aus mehreren Gründen.

Und welche sind das?
Das hängt zusammen mit dem Antiseminitischen und dem Sprachpatent aus Zeiten der Monarchie, als deutsche Beamte zurückströmten nach Österreich und mit jüdischen Beamten, die meist etwas gebildeter waren, in Konkurrenz standen. Das war der Nährboden für den Antisemitismus, meiner Meinung nach. Das gab es in dieser Form in Deutschland nicht. Der andere Grund war, dass der Umgang mit der Schuld der Nazis in Deutschland anders war als in Österreich. Österreich hat sich davor gedrückt, hat es nie aufgearbeitet.

1938, kurz nach dem Anschluss mussten Sie Österreich mit einem Kindertransport Richtung England verlassen. Können Sie sich an die damalige Situation erinnern?
Das war ein Zufall. Da ist ein Kind krank geworden und ich hätte mit den Eltern fahren sollen, etwa sechs Wochen später. Aber meine Mutter wurde gefragt, ob sie mich mitschicken sollen, und sie hat ja gesagt. Das geschah innerhalb von drei/vier Tagen. War ein Zufall und ich war auch beim Kindertransport die große Ausnahme, weil ich genau wusste, wohin ich komme, und komme zur eigenen Familie. Der Großvater ist ja noch mit österreichischem Pass im März 1938 weg.

Warum waren Sie die große Ausnahme?
Weil die anderen Kinder nicht wussten, wo es hingeht. Ich kam zum Großvater, den ich gekannt und geliebt habe.

Mit welchen Gefühlen haben Sie damals Österreich verlassen?
Eigentlich mehr mit Abendteuerlust. Ich war damals sechs Jahre alt. Ich wusste, meine Eltern kommen nach, und ich wusste, dass der Großvater drüben ist, der Onkel und die Tante. Ich war eigentlich froher Dinge.

Nach ihrer Rückkehr 1946 nach Österreich waren Sie obdachlos, da Sie und Ihre Familie die enteignete Wohnung nicht zurückbekamen. Wie gestaltete sich Ihr Neuanfang 1946?
Schwierig! Erst einmal Sprachschwierigkeiten. In England, in der Schule konnte ich, ich hab´aber nicht wollen. In Österreich, irgendwo auf der Straße Deutsch sprechen, nein Danke! Als ich zurückkam, hatte ich Schwierigkeiten mit der Sprache, hatte noch mehr Schwierigkeiten mit den Schulkollegen natürlich, aber durch die Freie Österreichische Jugend hab´ich eine Gruppenzugehörigkeit gehabt und etwas, wo ich mich wohlgefühlt hab´ können. Aber da kam noch eine Schwierigkeit dazu, die ich erst viel später realisiert habe. Das war das Zusammensein mit meiner Mutter. Ich war ja die ganzen Jahre nicht bei ihr. Mit vierzehn ist einem sowieso alles zuwider. Was soll man sagen, es war das Schwierigste. Und das Schulwesen auch. Jungen und Mädchen war separiert. Ich war von der Internatsschule gewohnt, dass Buben und Mädchen selbstverständlich zusammen sind. Von der Schule in England war ich verwöhnt, denn es war eine richtige Eliteschule. Ich hab´mich in manchen Gegenständen unendlich gelangweilt.

Und wie haben Sie diese Langeweile kompensiert?
Ganz verschieden, vor allem dadurch, dass ich in der Jugendgruppe aktiv war, später auch in Naturfreundegruppen.

Gab es einen besonderen Grund: warum haben Sie sich inbesondere in der Österreichischen Jugend und später in der KPÖ engagiert?
Es war für mich selbstverständlich, nachdem mein Großvater schon in der KPÖ aktiv war, meine Mutter und meine Tante, war es für mich eigentlich selbstverständlich. Da gab es gar keine Fragen. Es gab andere Fragen, die sich für mich später als wichtig herausgestellt haben. Wozu braucht man diesen Kult um Lenin und Stalin? Das hat mir nicht getaugt. Ja, wir nicht, aber die Russen brauchen das. Na, was machst du, wenn du so eine Antwort bekommst.

Mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes 1968 war Ihre Mutter nicht einverstanden. Wie sehen Sie das im Nachhinein?
Das war eine ganze Gruppe, bis hinein in die kleinste Teilorganisation. Da ist sie nicht allein gestanden mit ihrer Meinung. Das war die erste große Wende in der KPÖ. Das, was die Theorie war und das Geistesleben, das war alles weg.

Und wie haben Sie die Spaltung innerhalb der KPÖ empfunden?
Kurz gesagt: wir haben nicht unsere Richtung gewechselt, die KP hat ihre Richtung gewechselt.

Können Sie sich vorstellen, dass heute noch Menschen den Holocaust verleugnen bzw. verharmlosen? Wie gehen Sie damit um als ehemals Betroffene?
Das ist schwierig, kommt darauf an, wer es ist. Wenn es jüngere Leute sind, versuche ich doch mit ihnen zu reden. Da hab´ich meine Erfahrung mit Schulkollegen. „Na, wie fühlt sich das an, wenn man dem Juden die Hand gibt? Na, sag´nicht, dass dich das kalt lässt!“. Das ist so ein berühmter Wiener Schmäh`. „Na, das hast du gar nicht bemerkt, nein. Siehst du, all´ meine Verwandten waren jüdischer Herkunft!“. Und dann kommt das große Staunen (bei den Schülern- Anmerkg. d.Verf.). „Na, siehst du, so wirst du informiert“. Manche Schüler habe ich nach vielen Jahren wiedergetroffen, als Erwachsene und ich habe gemerkt, dass der Nachdenkprozess etwas bewirkt hat. Es blamiert sich Niemand gern. Bei den Älteren ist es zum Teil Erziehung, zum Teil die Familie. Das bist du machtlos (ihnen gegenüber), gerade, wenn du jünger bist.

Wir leben in Österreich und in Deutschland in den reichsten Ländern Europas. In Österreich fordert man Obergrenzen für Flüchtlinge. Sollte man den Zuzug von Flüchtlingen stoppen, eingrenzen oder begrenzen? Was halten Sie davon?
Ich denk´ an England im Jahr 1938. Da hat die Bevölkerung die Möglichkeit gehabt, für einzelne Flüchtlinge zu garantieren. Das heißt, wer hilfsbereit war, konnte helfen und tat es auch. Wer Papiere hatte, konnte in der Regel einreisen. Das System haben wir in Österreich nicht. Wir haben Obergrenzen und die Flüchtlinge werden von der Bevölkerung ferngehalten. Wie das nicht war, Ungarn 1956, hatten wir keine Probleme.

Wie erklären Sie sich das?
Das waren Flüchtlinge aus dem kommunistischen Block und die müssen wir unterstützen. Aber mit Afrika, mit Systemen, die wir anerkennen, verhält es sich ganz anders.

Wie war das 1992 mit den Flüchtlingen aus Bosnien?
Das waren nicht so viele. Weder so viel wie die Ungarn, noch so viele wie die Naziflüchtlinge, damals in England. Das waren Massen, und solche Massen waren die Bosnier nicht.

Aber gibt es nicht auch heute noch in Österreich eine große Solidarität, eine große Bereitschaft, den Flüchtlingen, die hierher kommen, zu helfen?
Sehr unterschiedlich! Es ist eine Welle von Hilfsbereitschaft dagewesen, die eigentlich das gemacht haben, was die Behörde hätte machen sollen: Unterkünfte (organisieren), Deutschkurse, massenhaft Kleidersammlung. Das ist das eine. Das andere ist, dass das jahrzehntelange Erodieren der Solidarität jetzt die Folgen zeigt. Am Anfang der Arbeiterbewegung, in der Ersten Republik, war man auch mit Menschen aus Kolonialländern solidarisch. Musterbeispiel war die Aktion um Gandhi in Indien. Der friedliche Aufstand von Gandhi war nur erfolgreich, weil die ganze Welt mitgetan hat. Und das ist vollkommen verloren gegangen.

Wie erklären Sie sich das? Wie erkären Sie sich diese Entsolidarisierung?
Vor allem die Rolle der Sozialdemokratie hat sich vollkommen geändert. Sie sind von einer revolutionären Partei zu einer systemerhaltenden Partei geworden. Das Systen bedeutet, dass man nicht solidarisch ist. Wenn ich unter den Unternehmen das Konkurrenzsystem hab´, hab´ich es unter den Angestellten auch. Und Konkurrenzdenken ist das Gegenteil von Solidarität.

Momentan wird so viel über Werte diskutiert. Haben sich unsere Werte so verändert?
Solidarität ist etwas vollkommen anderes. Solidarität ist das wohlverstandene eigene Interesse. Der wohlverstandene Egoismus. Solidarisch bin ich dann, wenn ich das Empfinden habe: Das wird auch mich betreffen. Das Interesse, dass ein Textilarbeiter in Indien dasselbe verdient wie einer hier. Da muss der Konsument hier etwas mehr zahlen, aber es ist in meinem Interesse, dass es ihm gut geht. Aber da haben sie sich in den letzten zwanzig, dreißg Jahren einen Teufel ´drum geschert. Solidarität gab es bestenfalls im eigenen Bereich, die gestreikt und sich gewehrt haben. Aber international kann man das vergessen!

Wenn Sie von den letzten zwanzig Jahren sprechen. Kann man die Ersosion der Solidarität mit dem Zusammenbruch des Kommunismus in Verbindung bringen?
Weit vorher. Wer dagegen verstoßen hat, war die Sowjetunion. Die Zinsen zahlen wir heute noch. Das war die Konferenz zu Jalta. Mit vier verschiedenen Folgen. Die einzigen, die prozessiert haben, waren die Österreicher. Mir erzählt Keiner, dass die Polen freiwillig zum Ostblock gehört haben, was die Bevölkerung betraf. Es hat Keiner die Sowjetunion gezwungen, zum Staate Israel „ja“ zu sagen, nachdem sie zwanzig Jahre Freiheit für Palästina gepredigt haben. Das Ergebnis: die Linke in Israel, nicht nur die Kommunisten, war ausradiert. Und die Folgen spüren wir heute noch. Diese Großmachtpolitik war schon der erste große Bruch der Solidarität.

Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Dora Schimanko (geb. Kaldeck), 17.08.1932 in Wien geboren. 1938-1946 als Jüdin im brit. Exil, Mitglied einer Kindergruppe der Young Austria in London. Ab 1946 politisch aktiv in FÖJ und KPÖ, und im Rahmen der Rassismusfreien ZoneN. Dora Schimanko lebt in Wien.

(28.11.2017, 18Uhr, unter www.o94.at, nacnhören, unter: https://cba.fro.at/354331

Der Artikel erschien in: Die Alternative, Dezember 2017.

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