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Hiroshima- Gedenkveranstaltung 2018

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iroshima- Gedenkveranstaltung 2018

Der Beginn des Hiroshima-Gedenktages begann Anfang der 1980er Jahre, auf die Initiative einer japanischen Studentin hin. 2018 fand er am Stephansplatz statt. Cornelia Stahl interviewte

Alois Reisenbichler vom Wiener Friedensbüro zu Hintergründen des  Gedenktages.

Der Philosoph Günther Anders hatte bereits am 6.August 1945, den Atombombenabwurf über Hiroshima, als Beginn einer neuen Zeitrechnung deklariert, weil von nun an die Menschheit in der Lage war, sich selbst zu vernichten. Mit  7.Juli 2017, mit dem von der UNO völkerrechtlichen Verbot der Atomwaffen, begann ebenso eine neue Ära.

Können Sie erklärend etwas zu den Hintergründen sagen?

Ich glaube, es ist ein Meilenstein, dass Atomwaffen jetzt international verboten sind. Natürlich heißt ein Verbot noch lange nicht, dass sie abgeschaltet sind, aber wenn eine Ratifizierung durch die 50 Staaten erfolgt, dann tritt das Verbot auch in Kraft. Die Ära, dass sich die Menschheit zerstören kann, ist erst vorbei, wenn es uns gelungen ist, alle Atomwaffen abzuschaffen. Aber im letzten Jahr begann mit dem 7.Juli 2017 ebenso ein Meilenstein in der Geschichte.

 

Welche zivilgesellschaftlichen Organisationen waren beim Zustandekommen des Atomwaffenverbotsvertrages?

Unter Mitwirkung vieler Vertreter/innen von Staaten und zivilgesellschaftlichen Organisationen wie Pax Christi, Ärzte und Ärztinnen gegen den Atomkrieg, dem Wiener Friedensbüro, den Wehrdienstverweigerinnen und –verweigerern, dem Weltfriedensrat und vielen anderen internationalen Organisationen wurde ein Entwurf für ein Verbot von Atomwaffen entwickelt, und Österreich hat dabei eine Vorreiterrolle eingenommen

 

Könnten Sie näher darauf eingehen?

Österreich hat eine Vorreiterrolle eingenommen, indem es eine humanitäre Verpflichtung bei der UNO eingebracht hat. (Anm.: 2014 war Österreich Gastgeber der Dritten Konferenz über Humanitäre Auswirkungen von Kernwaffen, die mit dem „Humanitarian Pledge“ – „Humanitäre Verpflichtung“ endete. (OÖNachrichten, 12.5.2018). Österreich ist das einzige Land mit einer eindeutigen Ablehnung von Atomwaffen und mit einer ebenso eindeutigen Ablehnung von Atomkraftwerken.

 

Worin zeigt sich diese Eindeutigkeit?

Es würde sich keine Partei trauen, eine Forderung aufzustellen, dass Österreich für Atomwaffen ist. Es gibt sicherlich einige Militärschädel und auch sehr militaristisch denkende Menschen, die meinen, dass die EU Atomwaffen braucht. In Deutschland gibt es ja sogar eine Forderung nach deutschen Atomwaffen. Aber in Österreich sprechen sich die Parteien gegen Atomwaffen aus. Der Beginn dafür war sicherlich das knappe Ergebnis der Abstimmung um das  Atomkraftwerk Zwentendorf und Ausdruck dafür, dass Österreich gegen den Besitz von Atomwaffen und auch gegen Atomkraftwerke ist (Anm.: 1978 stimmten 50,5 Prozent per Volksabstimmung gegen Kernenergie und gegen die Inbetriebnahme des Atomkraftwerkes Zwentendorf/ Niederösterreich).

Danach folgten weitere Schritte: 1999 hatten Umwelt- und Friedensgruppen eine Petition „Für ein atomfreies Österreich“ an den Nationalrat gerichtet, mit dem Ziel, ein Verbot über den Besitz von Atomwaffen und deren Herstellung in der österreichischen Verfassung zu verankern. Die Petition wurde angenommen.(Anm.: Am 13.7.1999 beschloss der Nationalrat das Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich). Atomwaffen sind bereits in vielen Ländern in der Verfassung verboten, Atomkraftwerke nur in Österreich.

Es ist sicher ein Verdienst des Aussenminister Kurz, dass er das jahrelange Ringen um das Verbot von Atomwaffen nun aufgegriffen und erneut in die Verhandlungen mit der UNO eingebracht hat.   (Anm.: Sebastian Kurz warnte in seiner Rede vor der UNO vor einem Atomkrieg). Das kann nur ein Beginn sein, aber die Ära der Selbstzerstörung der Menschheit ist erst vorbei, wenn das Verbot realisiert wird. Da kann der neutrale Staat Österreich eine wichtige Rolle spielen und ein Vorbild für andere Staaten sein. Momentan ist es noch ein in der Umsetzung befindliches Verbot, aber man muss alle Informationskanäle bedienen, um Lobbying zu betreiben.

 

Gibt es Staaten, die die Unterzeichnung des Atomwaffenverbotsvertrages bisher abgelehnt haben?

Alle Atomwaffenstaaten haben es abgelehnt. Das ist leider so, aber wenn wir die Grußadressen auf hiroshima Punkt at (www.hiroshima.at) lesen, fällt auf, dass auch sehr viele Grußadressen aus den USA dabei sind, zum Beispiel von Aktivisten und Aktivistinnen, die dort ein illegales Atomwaffentestgelände besetzt halten und dafür die Gefängnisstrafe riskieren. Personen wie Noam Chomsky und andere prominente Denker/innen zählen ebenso zu den Unterzeichnenden der Grußbotschaften.

 

Seit wann genau gibt es die Gedenkveranstaltung gegen Atomwaffen und Krieg in Wien?

Die Initiative ging Anfang der 1980er Jahre von einer japanischen Studentin aus, die hier gelebt hat. Seitdem führt das Wiener Friedensbüro in Kooperation mit vielen Organisationen diese Gedenkveranstaltung durch. Zunächst hatten wir nur Prominente befragt, später haben wir es dann ausgeweitet, denn wir wollten nicht nur Entscheidungsträger/innen, sondern auch engagierte und verantwortliche Menschen ansprechen. Nationale und internationale Grußadressen haben uns erreicht, die gemeinsam gegen die Abschaffung der Atomwaffen eintreten.

 

Welche zivilgesellschaftlichen Organisationen werden an der heutigen Gedenkveranstaltung zum Hiroshima-Tag beteiligt?

Von vielen zivilgesellschaftlichen Organisationen wie Pax Christi, Ärzte und Ärztinnen gegen den Atomkrieg, dem Wiener Friedensbüro, den Wehrdienstverweigerinnen und –verweigern, dem Friedensrat, dem internationalen Versöhnungsbund, ICAN, der Internationalen Kampagne zur Abschaffung der Atomwaffen, der Arge Schöpfungsverantwortung und dem Roten Kreuz wurde diese Veranstaltung vorbereitet und organisiert. Und vielen anderen Organisationen. Am 9.August wird es noch eine Veranstaltung an der Friedenpagode geben, zum Gedenken an den Atombombenabwurf auf Nagasaki.

 

Besteht nicht die Gefahr, dass eingeweihte Gruppen unter sich bleiben und mit ihrer Botschaft kaum nach außen dringen?

Welche Personengruppen möchten Sie erreichen und sensibilisieren für dieses wichtige Thema?

Ich möchte nochmals auf unsere Grußadressen verweisen. Vor allem Personen aus dem kirchlichen Bereich möchten wir ansprechen. Wir haben den Aufruf zur Versendung von Grußbotschaften an alle Wiener katholischen und evangelischen Pfarren gesendet. Natürlich haben wir auch die Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung angesprochen. Wir versuchen auch überparteiliche Gruppen und Vereine anzusprechen.

 

Wie wird die heutige Gedenkveranstaltung finanziert? Wer beteiligt sich daran?

Es ist ein low budget level. Es gab zurückliegende Jahre, da haben ein Kollege und ich die Aktion mit den Mitteln unseres Arbeitslosengeldes finanziert. Es gibt kleine Spenden, aber im Prinzip beruht alles auf ehrenamtlicher Arbeit. Die Gewerkschaft Vida kopiert uns Flugblätter, die Arbeiterkammer Niederösterreich, die GPA-DJP und andere Gewerkschaften unterstützen uns ebenfalls, meist mit Sachspenden. Aber es ist seit über vierzig Jahren ein Problem, dass wir es nicht geschafft haben, dass Friedenforschung und Friedensarbeit wirklich öffentlich gefördert wird, z.B. dass ein gewisser prozentualer Anteil, der für sogenannte Geistige Landesverteidigung zur Verfügung steht, wenigstens für Friedensarbeit und – forschung ausgegeben wird.  

 

Mit welchen Institutionen arbeiten Sie zusammen?

Zum Beispiel mit dem Institut für Frieden- und Konfliktforschung und der Friedenburg Schlaining (Burgenland), für die wir letztes Jahr die Sommerakademie mitorganisiert haben. Daneben existieren einige unabhängige Friedensforscher/innen, die davon nicht oder nur sehr schwer leben können. Aber leider ist in Österreich Friedenarbeit und Friedensforschung eine brotlose Kunst.

 

Eine Schlüsselrolle beim Gedenken kommt insbesondere dem Land Japan zu. Gibt es eine  Form von Gedenk- und Friedensarbeit an Schulen, die über diesen Gedenktag hinausgeht?

Es gab einen wichtigen Kontakt zu einem Überlebenden aus Nagasaki. Gemeinsam mit der Friedenspagode veranstalten wir jedes Jahr am 9.August ein Gedenken. Die Bürgermeister von Hiroshima und Nagasaki schicken jedes Jahr eine Grußadresse.

Drei Punkte sind bei der internationalen Arbeit wichtig: erstens, engagierten Gruppen durch das positive österreichische Beispiel beizustehen, das zweite ist, dass wir politisch auch Druck machen wollen auf die Staaten, die Atomwaffen besitzen, abzurüsten. Wir sind gegen Atomwaffen in Nordkorea und dafür, dass man den Vertrag mit dem Iran, der ein ganz wichtiger Schritt ist, mit einer Ratifikationsmaßnahme zu überprüfen, dass er auch eingehalten wird.  

Es muss eine Gleichheit herrschen unten den Ländern, dass der Besitz von Atomwaffen für alle Länder gleichermaßen verboten wird. Da kommen wir wieder zu dem anfangs von Günther Anders geschilderten Szenario zurück.

Drittens, dass Krieg ohne Wenn und Aber abgelehnt wird, und das heißt Abrüsten auf allen Ebenen, Umrüstung der Rüstungsindustrie sowie zumindest strengste Kontrollen, ja eigentlich entscheidende Einschränkungen beim Waffenhandel. Und leider besonders aktuell: die Erhaltung der immerwährenden Neutralität Österreichs und mit vollem Engagement verhindern, dass aus der EU ein Militärblock wird.

Zirka 280 Grußbotschaften sind eingesendet worden. Auf die Frage nach der prägnantesten Botschaft, antwortet Alois Reisenbichler, dass jede Botschaft wichtig erscheint und er sich vehement gegen ein Ranking der eingesandten Beiträge zum Hiroshima-Gedenktag wehrt.

 

Ich danke Ihnen für das Interview!

Der Artikel erschien in: Die Alternative-Unabhängige Gewerkschafterinnen im ÖGB, September 2018.

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