Literaturfenster Österreich | Entdeckte Briefe
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Entdeckte Briefe

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nica Zürn und Alexander Camaro– Entdeckte Briefe eröffnen neue Sicht auf die Anagrammdichterin Unica Zürn – ein Bericht von Cornelia Stahl

Bekannt wurde die 1916 in Berlin geborene Künstlerin Unica Zürn (als Nora Berta Ruth Zürn) durch ihre Anagrammgedichte. Ihre Freundschaft mit dem Maler Alexander Camaro blieb bisher unbeachtet. Die Alexander und Renata Camaro- Stiftung zeigte 2016 eine Ausstellung in Berlin, die das Zuammenwirken der drei Künstler Alexander Camaro, Unica Zürn und Hans Bellmer näher beleuchtete. Kürzlich entdeckte Briefe eröffnen eine neue Sicht auf die Künstlerin.

1951 schickt Unica Zürn dem Künstler Camaro eine zum Kringel gedrehte Strähne, eine sogenannte Dichterlocke, dazu eine getrocknete Blume und eine Halskette von Wiesbaden nach Berlin. Unterschrieben ist der Brief mit dem Kürzel: „deine Gespensterbraut“. Während ihres zweimonatigen Aufenthaltes bei Freunden entwickelt sich ein intensiver Briefwechsel zwischen Unica Zürn und Alexander Camaro. Gegenseitige Ermunterungen, reger künstlerischer Austausch über das Leben am anderen Ort sind Inhalte der Briefe. Die Korrespondenz zwischen beiden Künstlern dauert ungefähr vier Jahre. So lange hält auch die Beziehung. Die Briefe verschwinden, fein säuberlich geordnet,  in Kisten verpackt.

1953 begegnet Unica Zürn bei einer Berliner Ausstellungseröffnung in der Galerie von Rudolf Springer dem Surrealisten Hans Bellmer, der Mitte der dreißiger Jahre nach Paris immigriert war. Dessen Frau war bereits 1938 verstorben. Zwischen beiden Künstlern entspinnt sich eine fruchtbringende Beziehung. Für Unica Zürn eine ebenso gefährliche, denn in seiner neuen Partnerin sah  Hans Bellmer eine lebende „Poupée“, die er schnürt, malt, fotografiert. Zuvor hatte der Surrealist Bellmer dies nur mit seinen selbst gebauten Figuren praktiziert. Auf Anregung Bellmers beginnt Zürn 1953 mit dem Schreiben von Anagrammgedichten, welches sie nicht mehr loslässt und dass sie sogartig und leidenschaftlich praktiziert. Es bereitet ihr großes Vergnügen: das Suchen in einem Satz nach einem neuen. Irgendwann entspinnen sich diese zu einem Orakel, nehmen Gestalt an.

Nach der Begegnung mit Henri Michaux, 1957/58, beginnt Unica Zürn mit dem automatischen Zeichnen uns Schreiben. Sie verfällt seiner magischen Anziehungskraft und Ausstrahlung. Durch den Impuls des Klopfens entstehen Zeichnungen, doch entwickelt sich der Schreibimpuls zeitweise zur Manie. Wahnvorstellungen entstehen. Sie hört die Schläge eines Mannes, dem sie unterlegen ist, der ihr seinen Willen aufzwingt. Vermutungen liegen nahe, dass sich Missbrauch (durch den Bruder) und Entfremdungen miteinander vermischen. Der entfremdete Vater, dem Unica Zürn nie wirklich nahe sein konnte. Auf der anderen Seite die Unterlegenheit als „Puppe“ und „Missbrauch“ als Objekt für Bellmers künstlerische Installationen und Experimente.

Kälte und Lieblosigkeit der Mutter im Kindesalter vermischen sich mit gegenwärtigen Erfahrungen, äußern sich unmittelbar in Zeichnungen und  Anagrammgedichten der Künstlerin. Die „Erdachten Briefe“ und „Les Jeux a Deux“ sind Spiele einer ungefährlichen Wirklichkeit. Es sind Spiele, die für sie zum gefährlichen Spiel mit der Unwirklichkeit werden. Als Anfang der 60er Jahre „paranoide Schizophrenie“ bei Zürn diagnostiziert wird, beginnen Phasen ekstatischen Schaffens, die sich abwechseln mit depressiven Lähmungszuständen, irrealen Vorstellungen und Wahnideen. „Idem ich alle Hoffnungen auf Wärme aufgebe, morde ich die Kälte“, äußert sich die Künstlerin. Negativ paradoxe Bewegungen ihres Denkens spiegeln sich in ihren Zeichnungen. Sie bergen unerträgliche Spannungen in sich, sind teilweise überfüllt, verweisen auf strenge Umgrenzungen. Anders ihre Anagramme, die einem strengen formalen Gesetz unterliegen, sich jedoch öffnen, spielerisch wandeln mit den Buchstaben. Bewusstes und Unbewusstes vermischen einander. „Blauer Mittagshimmel des Frühlings. Wie oft bist du schwarz geworden, schlagartig; sowie das Drehen beginnt, das sich plötzliche Auflösen…“ ( aus: Hexentexte. Zehn Zeichnungen und zehn Anagramm-Texte. Mit einem Nachwort von Hans Bellmer. Galerie Springer Berlin). Reizvoll war das Leben neben oder mit Hans Bellmer, jedoch erschütterte es das Selbstbewusstsein und den Selbstwert der Künstlerin Unica Zürn. Die vergeblichen Versuche, sich aus der Beziehung mit Hans Bellmer zu lösen, hat Unica Zürn in ihren letzten Jahren mit ihrer Freundin Ruth Henry geteilt. Henry hat Zürns Romane „Der Mann im Jasmin“ und „Dunkler Frühling“ ins Französische übersetzt und sich für deren Veröffentlichungen eingesetzt.

Während einer kurweiligen Beurlaubung und Entlassung aus dem Spital besucht Unica Zürn Hans Bellmer in seiner Pariser Wohnung und stürzt sich dort am 19. Oktober 1970 aus dem Fenster. Im Juli 2017 jährt sich der Geburtstag der Surrealistin zum 101.Mal.  

Literaturhinweise und Quellen

Deutsche Nationalbibliothek: Zürn, Unica. Publikationen. Online verfügbar unter https://portal.dnb.de/opac.htm?query=118928686&method=simpleSearch&cqlMode=true, abgerufen am 10.03.2017  

Glosch, Kathrin (1994): Surrealismus, Wahn-Sinn, Literaturproduktion. Das Fallbeispiel Unica Zürn. Osnabrück. Universität.

Hartmann, Frauke (1988): Die Anagramme Unica Zürns. Magisterarbeit. Hamburg. Universität

Henry, Ruth (2007): Die Einzige. Begegnung mit Unica Zürn. 2. Aufl. Hamburg. Edition Nautilus. 2010 (Kleine Bücherei für Hand und Kopf, 59) ISBN 978-3-89401-558-9.

Kuhlbrodt, Jan (2013): Zu Unica Zürn. Unica Zürn: Aller guten Dinge sind Drei (1964). Online verfügbar unter http://signaturen-magazin.de/unica-zuern—aller-guten-dinge-sind-drei.html, abgerufen am 10.03.2017  WebCite®-Archivfassung: http://www.webcitation.org/6ajFVY6N3.

Opitz, Michael (2008): Ein einziger dunkler Vorwurf. Rezension. Deutschlandradio Kultur, 22.08.2008. Online verfügbar unter http://www.deutschlandradiokultur.de/ein-einziger-dunkler-vorwurf.950.de.html?dram:article_id=136534, abgerufen am 10.03.2017. WebCite®-Archivfassung: http://www.webcitation.org/6ajFueYRb.

Peters, Sabine (2008): »Satt irrt der Spassgeist«. Ruth Henry schildert in »Die Einzige« das Leben der Künstlerin Unica Zürn. Deutschlandfunk, 18.01.2008. Online verfügbar unter http://www.deutschlandfunk.de/satt-irrt-der-spassgeist.700.de.html?dram:article_id=83448, abgerufen am 10.03.2017 WebCite®-Archivfassung: http://www.webcitation.org/6ajFztIZs.

Vojta, Agnieszka: Anagramme und andere Sprachspiele – zum Werk von Unica Zürn. Rezension. Online verfügbar unter https://www.querelles-net.de/index.php/qn/article/view/332/340, abgerufen am 10.03.2017. WebCite®-Archivfassung: http://www.webcitation.org/6ajFztIZs.

Zürn, Unica: Anagramme. Entnommen aus der Gesamtausgabe, Band 1, Verlag Brinkmann und Bose, Berlin 1988. Online verfügbar unter , http://www.iti.fh-flensburg.de/lang/fun/anagram/unica/ana1.htmabgerufen am 10.03.2017. WebCite®-Archivfassung: http://www.webcitation.org/6ajGZ2NhO.

Zürn, Unica (1954): Hexentexte. Zehn Zeichnungen und zehn Anagrammtexte. Berlin. Galerie Springer.

Zürn, Unica (1986): Das Haus der Krankheiten. Geschichten und Bilder einer Gelbsucht ; vom Ende April bis Anfang Mai 58 notiert und gezeichnet in Ermenonville/Oise. Berlin. Brinkmann & Bose. 1999. ISBN 3-922660-19-3

Zürn, Unica (1969): Dunkler Frühling. Erzählung. 3. Aufl. Gifkendorf. Merlin. 2008 (Kaleidoskop Merlin) ISBN 9783926112460.  

Zürn, Unica (1977): Der Mann im Jasmin. Frankfurt am Main, Berlin. Ullstein. 1992 (Ullstein-Bücher, 30288 : Die Frau in der Literatur) ISBN 3-548-30288-2.  

Zürn, Unica (1980): Im Staub dieses Lebens. Dreiundsechzig Anagramme. Berlin. Alphëus. ISBN 3-922555-04-7.  

Zürn, Unica (1981): Das Weisse mit dem roten Punkt. Unveröffentlichte Texte und Zeichnungen. Herausgegeben von Inge Morgenroth. Berlin. Lilith. ISBN 3-922946-00-3.  

Gesamtausgabe Zürn, Unica (1988): Anagramme. 1. Aufl. Berlin. Brinkmann & Bose. (Gesamtausgabe in 8 Bänden / Unica Zürn. Hrsg. v. Günter Bose, 1) ISBN 3-922660-30-4.

Zürn, Unica (1989): Les jeux à deux. Berlin. Langner & Bose.

Zürn, Unica (1989): Prosa 1. 1. Aufl. Berlin. Brinkmann & Bose. (Gesamtausgabe in 8 Bänden / Unica Zürn. Hrsg. v. Günter Bose, 2) ISBN 3-922660-31-2.

Zürn, Unica (1991): Prosa 2. 1. Aufl. Berlin. Brinkmann & Bose. (Gesamtausgabe in 8 Bänden / Unica Zürn. Hrsg. v. Günter Bose, 3) ISBN 3-922660-32-0

Zürn, Unica (2005): Drawings from the 1960s. Ausstellungskatalog. New York. Ubu Gallery. (Volltext (PDF))

Zürn, Unica (2009): Alben. Bücher und Zeichenhefte. Herausgegeben von Erich Brinkmann. Berlin. Brinkmann & Bose. ISBN 978-3-940048-06-6

Hinweis: Der Ausstellungskatalog „Unica Zürn, Camaro und Hans Bellmer in Berlin. Der 40er bis 60er Jahre. Unica Zürn zum 100.Geburtstag.“ ist im Verlag Brinkmann&Bose, 2016 erschienen.

Cornelia Stahl, Redakteurin der Sendung „Literaturfenster Österreich“ auf Radio Orange (www.o94.at), forschte 2016 im Literaturarchiv Marbach und dankt für Materialien und Recherchemöglichkeiten.

Dieser Artikel erschien in ETCETERA 68 / MAI 2017.

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