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Den Holzweg verlassen!

Stefan Balkenhol, deutscher Bildhauer, zählt zu den renommiertesten zeitgenössischen Künstlern. Sein Markenzeichen sind Figuren und Skulpturen aus Holz. 2014/15 war Balkenhol in der Landesgalerie Linz in einer groß angelegten Ausstellung zu sehen.

Wenn man mit dem Zug von Hamburg-Harburg über die Eisenbahnbrücke Richtung Hamburg-Dammtor fährt, entdeckt man mitten in der Elbe einen hölzernen Mann in Menschengröße, der als Boje in der Mitte des Flusses hin und her schaukelt. Beim ersten Anblick irritiert Zugreisende diese Figur, denn der Beobachter überlegt, ob die schwankende Person dort, real oder eben nur eine Skulptur ist. Der Schöpfer dieser Holzskulpturen in Menschengröße ist der deutsche, zeitgenössische Bildhauer Stephan Balkenhol. Geboren wurde dieser 1957 in Fritzlar, wuchs in Luxemburg und Kassel als jüngster von vier Söhnen auf. In Luxemburg besuchte der Künstler die Europäische Schule, an der sein Vater als Lehrer unterrichtete. Balkenhol legte sein Abitur in Kassel ab und studierte anschließend von 1976 bis 1982 an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg bei Ulrich Rückriem. Dank des Karl Schmidt-Rottluff-Stipendiums verfolgte er seinen Weg als zukünftiger Bildhauer.

Präzises Herausarbeiten der Gesichter
Das wichtigste Material für Balkenhol ist wohl das Holz, aber auch Skulpturen, Zeichnungen und graphische Techniken wie Lithographie und Siebdruck. Seine grob gehauenen und farbig bemalten Holzskulpturen sind sein Erkennungsmerkmal als Künstler. Der Mensch steht im Zentrum seiner Auseinandersetzung, aber auch Tiere und Architekturen. Balkenhol entwickelt Grundtypen, die er in anderen Variationen modifiziert verwenden kann. Der Mann mit schwarzer Hose und weißem Hemd ist wohl sein bekanntester Figurentypus. Auffallend sind die durchweg emotionslosen Gesichter seiner Figuren: Sie starren scheinbar ins Leere oder fokussieren sich auf einen Punkt. Empathie lösen sie beim Betrachter eher nicht aus, bleiben stets distanziert, anonym und geben dem Betrachter Rätsel auf. Dabei ermöglichen gerade weiche Holzarten wie Pappel oder Wawaholz dem Künstler ein präzises Herausarbeiten der Gesichts- und Charakterzüge. Trotzdem wirken die Figuren leblos, starr, antrieblos.

Deutungsmöglichkeiten oder Provokation
„Meine Skulpturen erzählen keine Geschichten“, äußerte sich Balkenhol über seine Figuren. Bewusst lässt er die Aura des Geheimnisvollen über ihnen kreisen, verleiht seinen Figuren eine gewisse Starre. Der Künstler fordert Betrachter und Beobachter heraus, eröffnet Deutungsmöglichkeiten, denen keine Grenzen gesetzt sind, will Zuschreibungen oder Eindeutigkeiten von Anfang an vermeiden. Ein Gesichtsausdruck, ein Lächeln oder auch Weinen würden zu viel vorwegnehmen.

Wiederholungen oder Markenzeichen
Balkenhol ist jedoch in Künstlerkreisen umstritten. Seine Wiederholungen in Stilistik und Motivik innerhalb eines Werkes haben ihn angreifbar gemacht. Kritiker forderten neue Wege, Abzweigungen und Variationen des künstlerischen Schaffens. Balkenhol müsse den „Holzweg“ verlassen, auf dem er sich befinde. Der Künstler lässt sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen oder verunsichern, bleibt bei seinem Stil und vertraut auf sein Handwerk, das er zweifelsohne perfekt beherrscht. Ungefähr einhundert Figuren pro Jahr lässt er aus dem Rundholzsockel entstehen. Seine höchste Figur ist sechs Meter hoch: Sempre piu` (Immer mehr), ein Männertorso aus Zedernholz und wurde 2009 temporär im Caesarforum in Rom aufgestellt.

Symbiose zwischen Kunst und Raum
Seine größte Ausstellung erhielt der Bildhauer Balkenhol 2009 in den Deichtorhallen Hamburg. Drei Jahre hatte er sich akribisch auf dieses wichtige Ereignis vorbereitet und speziell dafür neue Figuren angefertigt. Balkenhol, der maßgeblich an der Realisation vor Ort in Hamburg beteiligt war, platzierte seine Werke eigenhändig, mit der Absicht, die Symbiose zwischen Kunst und Raum stärker zu betonen. Seiner Meinung nach ist gegenwärtig bei den meisten Menschen die zweidimensionale Sichtweise ausgeprägt, die ein räumliches Sehen vernachlässigt. Der Wirkung von Körpern im Raum wollte Balkenhol mit seiner Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen mehr Beachtung schenken. 2014/15 zeigte die Landesgalerie Linz in einer groß angelegten Ausstellung mehrere Menschen- und Tierfiguren Balkenhols in typisch groß bearbeiteter Form.

Biograhische Daten des Künstlers
Stefan Balkenhol, geboren 1957 in Fritzlar, wuchs in Luxemburg und Kassel auf. Studium von 1976 bis 1982 an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg bei Ulrich Rückriem. 1983 Erhalt des Karl Schmidt-Rottluff-Stipendiums. 1986 folgte das Arbeitsstipendium der Freien und Hansestadt Hamburg. 1989 Förderpreis zum Internationalen Preis des Landes Baden-Württemberg. 1990 Bremer Kunstpreis. 2014 Ordre des Arts et des Lettres.
Balkenhol stellt seit 1988 weltweit aus, angefangen 1998 in der Kunsthalle Basel (mit M.Mäkelä). 1999 BAWAG Foundation Wien, 2005 The National Museum of Art, Osaka, 2008/09 Deichtorhallen Hamburg, 2010 Museé Grenoble, 2011 Essl-Museum Klosterneuburg, 2014 Kunstmuseum Ravensburg, 2014 Skulpturenpark Waldfrieden Wuppertal, 2014 Galerie Löhrl und 2014/15 Landesgalerie Linz/Oberösterreichisches Landesmuseum. Dies ist jedoch nur ein Querschnitt aus seiner Ausstellungstätigkeit.
2017 ist Balkenhol in Salzburg zu sehen.

Cornelia Stahl, Redakteurin“Literaturfenster Österreich“, Redaktionsmitglied etcetera, schreibt für bn-Bibliotheksnachrichten und Die Alternative. ( erschien in : etcetera Nr.65/2016)

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