Literaturfenster Österreich | Ausstellung Schütte-Lihotzky
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Ausstellung Schütte-Lihotzky

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iderstand und Befreiung- Margarete Schütte-Lihotzky im antifaschistischen Widerstand
Margarete Schütte- Lihotzky und die, Frankfurter Küche“, mit der sie Weltruhm erlangte, werden meist in einem Atemzug genannt. Die aktuelle Ausstellung „Widerstand und Befreiung. Margarete Schütte- Lihotzky im Widerstand gegen den Nationalsozialismus 1939-1945“würdigt die politisch engagierte Architektin sowie weibliche Mitstreiterinnen im antifaschistischen Widerstand in Österreich.

Auftakt als Architektin
Als Margarete Lihotzky Architektur studieren wollte, im Ersten Weltkrieg, zu einer Zeit also, in der es für Frauen nicht selbstverständlich war, eine Ausbildung zu absolvieren, geschweige denn ein Studium, erntete sie vorwiegend skeptische Reaktionen. Ihrem Ehrgeiz folgend, ließ sich Schütte-Lihotzky nicht von ihrem Wunsch abbringen und studierte als erste und einzige Frau von 1915-1919 an der K.K. Kunstgewerbeschule (später Hochschule für angewandte Kunst) Architektur. Die Beteiligung an einem Wettbewerb für Arbeiterwohnungen führte sie zur intensiven Recherche über Arbeits- und Lebensverhältnissse der Arbeiter in Wien. Diese Zeit war einerseits der Auftakt ihrer zukünftige Tätigkeit als Architektin, andererseits der Beginn einer lebenslangen Haltung den Menschen gegenüber, die über unzureichende finanzielle Mittel verfügten. In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, einer Zeit massiver Wohnungsnot, entwickelte Margarete Lihotzky ein sensibles Sensorium für die Bedürfnisse einfacher Menschen. Der Erhalt des Preises für eine Schrebergartenanlage 1920 führte sie zur Siedlerbewegung, in deren Mittelpunkt der Bau von Arbeiterwohnungen stand. 1922, während ihrer Arbeit für die „Erste gemeinnützige Siedlungsgenossenschaft der Kriegsinvaliden Österreichs“ machte Margarete Lihotzky die Bekanntschaft mit dem Architekten Adolf Loos und verfolgte mit ihm gemeinsam das Ziel der Optimierung und Verbesserung von Arbeiterwohnungen.

Frankfurter Zeit und Projekte in der Sowjetunion
Die Jahre 1926-1930 waren für Margarete Lihotzky prägend, in beruflicher und privater Hinsicht. Die Projektierung von Lehrküchen, Kindergärten, Wäschereien und Kleingartenbauten stand im Zentrum ihrer Arbeit. Die„Frankfurter Küche“, eine von ihr projektierte Einbauküche, entstand in dieser Zeit, die vor allem den Bedürfnissen berufstätiger Frauen entsprach.
1927 folgte die Heirat mit dem Frankfurter Kollegen und Architekten Wilhelm Schütte. Drei Jahre später folgte das Ehepaar einem Auftrag in der Sowjetunion, wo Schütte-Lihotzky vor allem Anlagen für Kinder, Krippen, Kindergärten und Schulen konzipierte. Mitten in diese Zeit fiel die Machtergreifung Hitlers 1933, die das Ehepaar zunächst davon abhielt, in die Heimat zurückzukehren. 1937 verließen die Eheleute die Sowjetunion und liessen sich 1938 beruflich in Istanbul nieder, wo sie auf emigrierte Berufskollegen trafen, die eine illegale Gruppe der kommunistischen Partei aufgebaut hatten.

Erfinderische Widerstandsarbeit
Der Kommunistischen Partei schloss sich Schütte- Lihotzky an und beschloss 1940 nach Wien zurückzukehren, um in Österreich Widerstand zu leisten und Verbindungen zum Ausland herzustellen. Viele Menschen reagierten mit Unverständnis, da sie aus dem sicheren Istanbul nach Österreich zurückkehrte. Ehrgeizig und erfinderisch agierte sie im Verborgenen, um geheime Nachrichten zu überbringen und Kontakte zwischen den Widerstandskämpfern und -kämpferinnen herzustellen. Nicht alle verhielten sich solidarisch, sodass die Tätigkeit der Widerstandsgruppe nach wenigen Wochen aufflog. Gemeinsam mit dem KPÖ- Funktionär Erwin Puschmann wurde Schütte-Lihotzky 1941 von einem Spitzel der Gestapo ausgeliefert und verhaftet. Sie selbst entging knapp der Todesstrafe und wurde 1942 zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Frauengefängnis Aichach/Bayern war sie mit anderen mutigen Frauen interniert, die sich gegenseitig Mut machten.

Nachkriegszeit und späte Würdigung
Nach dem Krieg erhielt Margarete Schütte-Lihotzky zunächst wenige Aufträge als Architektin. Den Ruhm um ihre Verdienste erntete sie erst im hohen Alter. Auf eine Frage nach Groll gegen die Stadtverwaltung äußerte sie sich wie folgt “Nein, verhungert bin ich nicht, und über Mangel an Arbeit kann ich auch nicht klagen“ (Chrales S. Chiu: Frauen im Schatten, 1994).
Schütte-Lihotzky engagierte sich weiterhin in der Kommunistischen Partei Österreichs, KPÖ, sowie im Friedensrat und in der Frauenbewegung, speziell im Bund Demokratischer Frauen, deren Vorsitzende sie von 1948-1968 war. 1988 erhielt die Architektin das österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst. Mit der Verleihung wartete sie jedoch auf den Nachfolger des damaligen Amtsinhabers Dr. Kurt Waldheim, von dem sie die Auszeichnung ablehnte.
Schütte-Lihotzky, zäh und ehrgeizig, schrieb im Alter von neunzig Jahren über ihre Zeit im antifaschistischen Widerstand (Margarete Schütte-Lihotzky: Erinnerungen aus dem Widerstand. Promedia-Verlag 2014, mit einem Vorwort von Elisabeth Holzinger). Eine Dokumentation über eine spannende Persönlichkeit, die, gemeinsam mit anderen vorlebte, dass Widerstand möglich war.

Die Ausstellung „Margarete Schütte-Lihotzky im Widerstand gegen den Nationalsozialismus
1939-1945“ wird im Margarete Schütte-Lihotzky Raum,
Untere Weißgerberstraße 41, 1030 Wien, gezeigt.
Eröffnung: Freitag, 21.10.2016, 18Uhr
Ausstellungsdauer: bis 24.02.2017
Öffnungszeiten
Dienstag, Mittwoch: 10-14Uhr
Donnerstag, Freitag: 14-18Uhr

Hinweis: Am 25.10.2016, 18-18.30 Uhr, in der Sendung „Literaturfenster Österreich“
spricht Redakteurin Cornelia Stahl mit Christine Zwingel, Obfrau des Schütte- Lihotzky Club Wien, über persönliche Begegnungen mit der Architektin, Widerstandskämpferin und Friedensaktivistin Margarete Schütte-Lihotzky.
( unter www.o94.at und www.cba.fro.at/ Literaturfenster Österreich).

Erschien in: „Die Alternative“. November 2016.

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